Why you should care

Weil wir manchmal eine realistischere Erwartung brauchen, wenn wir den Partner fürs Leben finden wollen.

Falls Sie den Hype auf Facebook verpasst haben: Wissenschaftler haben jetzt herausgefunden, dass wir uns potenzielle Partner tatsächlich mit Bier „schöntrinken“ können – wenn auch anders als vermutet. Im Alkoholrausch nehmen wir den anderen zwar nicht als hübscher wahr als im nüchternen Zustand; aber unsere Begierde wird verstärkt und unsere Hemmungen herabgesetzt.

Allerdings: Eine andere Art der Wahrnehmungsstörung trifft uns viel öfter trifft und hat genau den umgekehrten Effekt. Wenn wir alles nur durch unsere „Erwartungsbrille“ betrachten, dann heben wir unsere Ansprüche und Erwartungen an alles und jeden – den Partner, den Job – und zwar oft auf ein unrealistisches Maß.

Schuld daran ist nur selten der Suff, sondern vor allem ein kräftiges Gebräu aus Hollywood-Filmen, sozialer Konditionierung und Wunschdenken. Und zum Glück kümmern sich schon ein paar Wissenschaftler um den Fall.

Einer davon ist Ty Tashiro, ein Psychologe und Beziehungsexperte beim US-Fernsehsender „Discovery Health“. Sein neues Buch „The Science of Happily Ever After“ (zu deutsch: „Die Wissenschaft des Glücklich-und-zufrieden-bis-ans-Lebensende“) beschreibt, was uns die Wissenschaft über unsere Partnerwahl erklären kann. Denn fast neun von zehn Amerikanern glauben, dass sie einen Seelenverwandten haben, aber nur drei von zehn finden tatsächlich eine Langzeitbeziehung, die nicht in Scheidung, Trennung oder ständiger Unzufriedenheit endet. Ganz offensichtlich läuft hier was falsch – und das beginnt schon mit unseren Erwartungen.

Denn im wahren Leben sieht die Gruppe unserer möglichen Partner eben ganz anders aus als die Jungs von Die Bachelorette – was Tachiro gerne mit ein paar nackten Zahlen untermauert. Seine Rechenmodelle funktionieren dabei so ähnlich wie die, die die Wahrscheinlichkeit von außerirdischem Leben berechnen.

Mal angenommen, besagte Bachelorette betritt einen Raum mit 100 Single-Männern, die einen Querschnitt der Bevölkerung abbilden. Wenn sie einen Partner sucht, der größer ist als 1,80 Meter, sinkt die Zahl ihrer möglichen Kandidaten schon mal auf 20. Soll der Mann außerdem einigermaßen gut aussehen und solide verdienen (sagen wir mal mehr als 67.000 Euro im Jahr), bleibt von 100 Männern nur noch ein einziger übrig.

Man holding roses

Source Getty

Wer dann noch Wert legt auf weitere Charaktereigenschaften wie Liebenswürdigkeit, Intelligenz oder eine bestimmte Religion oder Parteizugehörigkeit – der braucht kurz gesagt einen deutlich größeren Raum. Und dann wäre da ja auch noch die winzige Frage, ob der Auserwählte umgekehrt auch die Bachelorette leiden kann.

Dass die Chancen dafür so schlecht stehen, liegt an unseren falschen Prioritäten, sagt Tashiro. Und das ist strenggenommen gar nicht unsere Schuld. Unsere Vorlieben bei der Partnerwahl werden dadurch beeinflusst, dass einerseits die Natur und die Evolution besessen sind von körperlicher Attraktivität; und dass andererseits unsere Freunde, Familie und Lieblingssendungen uns ständig von der großen Liebe und von Seelenverwandten erzählen. Und gerade am Anfang einer Beziehung, wenn wir eigentlich kluge langfristige Entscheidungen treffen müssten, fällt uns genau das am schwersten – weil wir vor lauter Lust, Leidenschaft und Romantik kaum klar denken können.

Oder, wie Tashiro es in der Alkohol-Analogie ausdrückt: „Es wäre klug, wenn wir die Schlüssel an jemanden Nüchteren abgeben, bis unser gesunder Menschenverstand zurückkehrt.“

Genau deshalb befürwortet der Wissenschaftler einen neuen Dating-Ansatz, der nicht so sehr auf gesenkte Ansprüche aufbaut, sondern auf ganz neue. Dabei geht es darum, beim anderen unterbewertete Eigenschaften und Vorzüge aufzuspüren. Und wie beim Sport liegt der Schlüssel darin, Oberflächliches zu ignorieren – wie zum Beispiel Attraktivität und Reichtum – und statt dessen nach versteckten Werten zu suchen, die langfristig eine erfolgreiche Beziehung versprechen.

Weil die Wissenschaft bisher noch keinen verlässlichen Zusammenhang zwischen Einkommenshöhe oder gutem Aussehen einerseits und einer glücklichen Beziehung andererseits nachweisen konnte, steuert Tashiro seine Leser eher zu Charaktereigenschaften wie Nettigkeit hin. Bei einem durchschnittlichen Ehepaar, sagt der Forscher, „sinkt das Gefühl, den anderen zu mögen, jedes Jahr um drei Prozent, aber die Lust auf den anderen sinkt um acht Prozent“. Deshalb ist es langfristig schlauer, jemanden zu finden, den man aufrichtig mag. Außerdem seien nette Partner tatsächlich besser im Bett und auch auf lange Sicht treuer.

Aber reicht es tatsächlich aus, nett zu sein, um dieses Spiel zu gewinnen? Und ist es überhaupt möglich, bei Beziehungen strategisch durchdachte Entscheidungen zu treffen?

Vielleicht hat ja auch Crash Davis recht – Kevin Costners Rolle im Film „Bull Durham“. Der „glaubt nicht an Quantenphysik, wenn es um Herzensangelegenheiten geht“. Aber das sollte nicht bedeuten, dass wir die Wissenschaft komplett ignorieren, insbesondere wenn sie unsere Chancen auf den Siegtreffer entschieden steigern kann.

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